Montag, 03.12.2007

Ihr Name ist Haase und sie weiß sehr viel

Am U-Bahnhof „Platz der Luftbrücke“ treffe ich auf Anna Haase. Der frühere Name des U-Bahnhofs von 1921 bis 1936 war „Kreuzberg“. Hier beginnt also das heitere und berüchtigte Viertel. Vom Platz der Luftbrücke geht es schnurstracks in die Methfesselstraße. Es ist auffällig ruhig hier. Nur wenige Autos fahren über das Kopfsteinpflaster. Am Hang reifen die Trauben, woraus der „Kreuz-Neroberger“ gekeltert wird. Frau Haase meint: „Den trinkt man nicht, den hebt man auf“, also etwas ganz Besonderes und nur gegen Spende im Rathaus erhältlich. Wahrscheinlich auch, weil nur ungefähr 600 Flaschen im Jahr aus der Ernte gewonnen werden. Schräg gegenüber wohnte einst Konrad Zuse, der in der elterlichen Wohnung den ersten Rechner der Welt entworfen und gebaut hat, „die Z3“. Frau Haase bezeichnet ihn als den Bill Gates Deutschlands. Wir setzen unseren Weg fort, nämlich bergab in Richtung Kreuzbergstraße.  

Leben in einer Oase
Das auffallend Sympathische und Unersetzbare des Kiezes ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Jubel, Trubel, Heiterkeit und wohltuender Ruhe. Frau Haase findet, dass er eine Oase bildet, in der man sich wohl fühlen kann, individuell und bedenkenlos wohnen kann. Der Kiez lebt von seinen Menschen. Er erscheint als ein gesundes tolerantes Umfeld, in dem sich die Menschen arrangiert haben. Eben noch schlendern wir über die menschenleere prächtige Großbeerenstraße, voller wird es dann auf der Yorckstraße und dem Mehringdamm. Unterwegs berichtet mir Frau Haase, wie aus dem einstigen Exerziergelände, dann beliebter Vergnügungsort am Wochenende, eine noble Wohngegend wird. Mit der Reichsgründung von 1871 wird Berlin Mittelpunkt Deutschlands. Seine Grenzen dehnen sich. In dieser Zeit entstehen die eindrucksvollen Gründerzeitbauten, die eindeutig zum Charakter des Viertels beitragen. Viel wurde im Krieg in dieser Gegend nicht zerstört. Der Grund hierfür ist die Nähe zum Flughafen Tempelhof, ihn wollten die Alliierten vor Bomben schützen. Auch im Süden, rund um den Chamissoplatz, kann man die vollkommene Ruhe im Ambiente der restaurierten Gründerzeitbauten genießen.

Die Bergmannstraße – das Herz des Kiezes
Mittlerweile haben wir die Bergmannstraße erreicht, die das Herz des Kiezes bildet. Hier quirlt das Leben, dennoch läuft es nicht über. Die Straße hat etwas Charmantes, Unwiderstehliches aber auch etwas Beruhigendes. Das Besondere machen die vielen Cafés und die Geschäfte fernab vom Mainstream aus. Sie sind vielfältig, sie sind kunterbunt, sie ergänzen sich ganz wunderbar. Ich kann mich gar nicht satt sehen an dieser Fülle. Die Bergmannstraße ist eine Trödlerstraße, in der man endlos stöbern kann. Anna Haase ist begeistert, dennoch betrachtet sie die „Mottenfiffis“ argwöhnisch, also doch lieber keinen Pelz vom Flohmarkt. Dazu bringen die vielen Hinterhöfe Spannung ins Spiel. Sie haben viele Facetten, wirken romantisch und haben längst alles negativ Anhaftende verloren. Frau Haase erklärt, dass sie sukzessiv, von hinten nach vorn, entstanden sind. Ende des 19. Jahrhunderts hat auch Sarotti in einem eben dieser Hinterhöfe Schokolade hergestellt. Noch heute erinnern die Sarotti-Höfe mit Hotel und Café daran. Außerdem haben sich Antikläden, kleine Handwerksbetriebe, Medienfirmen, Künstler und Agenturen hier eingefunden, aber auch Spielplätze bieten Kindern die Möglichkeit, sich auszutoben.

Entspannung pur
Immer wieder entdeckt man Merkmale für ein entspanntes Umfeld. So gehören auch die Sitzbänke vor den Läden zur typischen Szenerie. Sie laden zum Schwätzchen ein. Diese betörend atmosphärische Symbiose hat sich so erst in den vergangenen 50 Jahren entwickelt. Nach dem Krieg ist die 68er Szene eingezogen. Das Revolutionäre und Antiautoritäre hat sich verflüchtig, dennoch ist das Andersartige und Beschwingte geblieben. Hier kann man das Leben wirklich genießen.

Weitere Informationen zu den professionellen Gästeführungen durch Berlin mit Anna Haase finden Sie auf der Website: www.annahaase.de,
Telefon (030) 2 17 63 20  Mobil 01 72 / 3 91 71 96.