Mittwoch, 25.03.2009

Stadtführung auf den Spuren von Zeitungszaren und Druckerschwärze

Dort, wo sich heute die Axel Springer AG und die Tageszeitung (taz) gegenüberstehen, im traditionsreichen Zeitungsviertel von Berlin, ließen im Kaiserreich die Zeitungszaren Leopold Ulstein, Rudolf Mosse und August Scherl erstmals in Deutschland Blätter für ein Massenpublikum drucken. Die Verlagsimperien und an die hundert Redaktionen, Druckereien und grafische Betriebe bildeten damals den Kern der Zeitungsstadt Berlin. Um lange Transportwege zu sparen, war es ökonomisch sinnvoll ein regelmäßig erscheinendes Druckwerk im Zentrum des Verbreitungsgebietes herzustellen. Außerdem machte die unmittelbare Nähe zu den politischen Entscheidungszentralen und zum Anhalter Bahnhof mit dem Kaiserlichen Postzeitungsamt das Quartier für Zeitungsunternehmen außerordentlich attraktiv. Der zentrale Standort sorgte zudem für einen direkten Draht zum Berliner Publikum, welches bei wichtigen Ereignissen in das Viertel strömte, um schnell an die kostenlosen Extrablätter zu gelangen. Man kann also sagen, dass die im 19. Jahrhundert erfolgte Konzentration der Zeitungs- und Zeitschriftenproduktion im Herzen des wachsenden Berlins von reiner Zweckmäßigkeit bestimmt wurde. Mit dem Zeitungsviertel entwickelte sich gleichzeitig in Berlin auch eine Hochburg der Druckindustrie. Jede Menge Druckereien, Buchbindereien und Schriftgießereien fanden sich hier ein.

Mit dem Zweiten Weltkrieg wurde das Zeitungsviertel fast komplett zerstört. Die Mauer zerschnitt nach der Stadtteilung zwischen 1961 und 1989 den traditionsreichen Zeitungsstandort und so konnte er nicht mehr zur alten Bedeutung zurückfinden. Seit Mitte der 1990er erlebt das Quartier im Zentrum der Hauptstadt eine Aufbruchstimmung: Um die Kochstraße herum siedelten sich viele Medienunternehmen sowie Film-, Video- und Fernsehgesellschaften an. Aus dem ehemaligen Zeitungsviertel wurde ein bedeutendes Medienquartier.

So findet man heute anstelle des Ullstein-Hauses, wo bis 1934 die Berliner Zeitung, die Berliner Abendpost, die Berliner Illustrierte Zeitung und die Morgenpost herausgebracht wurden, das Hochhaus der Gemeinnützigen Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft. Anstelle des ehemaligen Mosse Verlags, der unter anderem das Berliner Tagesblatt, das Deutsche Reichsblatt und die Berliner Morgenzeitung verlegte, laufen heute die Druckmaschinen des Druckhaus Berlin-Mitte. Die restaurierte Fassade des durch die Novemberrevolution arg in Mitleidenschaft gezogenen Eckhauses kann man sich heute noch anschauen. Dort, wo früher das Medienimperium von August Scherl den Zeitungsmarkt mit dem kostenlosen Berliner Lokal-Anzeiger überschwemmte, finden wir heute die Axel Springer Passage. Sie nimmt eine zentrale Position des alten Zeitungsviertels ein. Neben Büroflächen für den eigenen Bedarf und anderen Medienunternehmen findet man hier ein Fachärztezentrum, Gastronomiebetriebe und Geschäfte.

Wie man sieht, kann man im ehemaligen Zeitungsviertel also auch heute noch Spuren von damals ablesen. Eine Stadtführung ganz speziell zu dem Thema bietet Katja Roeckner an. Sie führt mit viel Hintergrundwissen, kleinen Anekdoten und Fotos der damaligen Zeit durch das ehemalige Zeitungsviertel und zeigt neben den Spuren der glanzvollen Geschichte auch den neuen Schwung, den das durch die Mauer jahrzehntelang zerschnittene Viertel zur Zeit erlebt. Er schließt eine Besichtigung der modernen Produktionsräume des Druckhaus Berlin-Mitte mit ein.

Zur Person:
Die Stadtführerin Katja Roeckner arbeitet für verschiedene Museen (z.B. das Kreuzbergmuseum) an der Entwicklung historischer Ausstellungen. Der Stadtführer „Vom Zeitungsviertel zum Medienquartier“ von Walter E. Keller inspirierte sie zu diesem Stadtrundgang. Außerdem ist Katja Roeckner Vorstand der Initiative Beriner Zeitungsviertel. Die Initiative will die Erinnerung an das historische Pressequartier stärken und Brücken zu Gegenwart und Zukunft schlagen.

Mehr dazu unter: www.berliner-zeitungsviertel.de

Wann: 24. April 2009, 14.00 Uhr
Wo: U-Bahn Kochstraße am Zeitungskiosk beim Checkpoint Charlie
Preis: 6 Euro/ ermäßigt 5 Euro
Dauer: etwa 2 Stunden
Termine für Gruppen auf Anfrage unter: katja.roeckner(at)web.de